Boris - Traumphasen

Ich wache durch das Holpern im Landeanflug auf. Einen kurzen Moment brauche ich, um mich zu orientieren. Aus meinem Fenster blicke ich auf die morgendlich sonnenbeladenen Dächer der Außengebiete Berlins. Sicherlich ist es am Boden kälter, als es von hier aussieht.

Auf meinen Ohren das Rauschen des Flugzeugs, das wuchtig durch die Atmosphäre streift. In meinem Blutkreislauf noch ein Hauch Melatonin, das mich auf einer dünnen Ebene zwischen Traum und Wirklichkeit balanciert. Diese Ebene, die mich unendlich berauscht und in der ich wie unsichtbar durch die Welt schweben kann. Gerade genug Realität, um sich wahrzunehmen. Aber nicht genug, um seine Umwelt einzuatmen. Die perfekte Rezeptur, um gerade noch minimal zu existieren in seiner reinsten Essenz. Nur ein wenig Geist. Ohne Körper.

Jede Bewegung um mich herum ist ein abstraktes und albernes Naturspiel. Eine Inszenierung, die keine Aufmerksamkeit verdient. Meine Sinne zu stumpf, um mein Bewusstsein anzukratzen.

Mechanisch streife ich mit meinem Blick über die Stadt, die mich in wenigen Minuten erobern wird. Wie ein Verurteilter auf seinem unhinderlichen Schicksalsweg.

Ein wahrer Siegesmoment über die Realität, in der man den wahren Geist seiner Umgebung erkennen kann, weil ihre Seelen in diesen Momenten nicht mit den Körpern vereint sind und wie schwerer Dunst um sie umher atmen.

Es ist diese Ebene, in der ich in mein Innerstes kehre. Diese Ebene die wahrer ist als die Realität und in ihrer Simpelhaftigkeit so vollkommen. Jeder Impuls von Gedanke erschlafft im Ansatz und verliert seinen Schwung mit jedem schweren Herzschlag bis er bis aufs Unkenntliche verblasst. Wie ein zerstreuter Farbfleck ohne Grundton. Zerstreut in neue Richtungen und Ansätze von Gedanken, die für sich wichtig erscheinen, doch in ihrer Gesamtheit konstruktlos sind.

Ich liebe es, mich in diesen Gedankenansätzen zu verlieren und mich von ihnen in ungeahnte Richtungen treiben zu lassen, leicht und formlos wie Rauch, der mit jeder Brise sich um eine neue Achse dreht. Ungeachtet jeder Naturgewalt. Ein bis in die Unkenntlichkeit zerrissener Fetzen ohne Substanz. Ein Atom. So leer. So ursprünglich.

Es ist diese Ebene, in die du nicht abtauchen und aus der du nicht auftauchen kannst. Sie kann nur Besitz von dir ergreifen, wenn sie sich danach fühlt und du zufällig seinen Weg kreuzt.

Meine Augenlider erschweren für einen kurzen letzten Moment, bevor wir aufsetzen. Erst jetzt spüre ich den Schwung des Flugzeuges. Ein Ruck, der mir durch die Knochen geht und meine Gedanken zusammenrückt. Die Ebene zerreißt und lässt mich los. Ein neuer Impuls. Er beginnt zu schwingen.