Boris - Farbe der Dämmerung

Es sind wohl die letzten Minuten dieser Nacht, als ich nach links gehe und in eine neue unbekannte Straße gleite. Eine nächtliche Kälte hat sich auf den Pflastersteinen herabgesetzt und ich kann den frischen Tau an den Fensterfronten fremder Wohnhäuser riechen, als ich an ihnen vorbei schweife. Hinter den Fenstern unzählige Seelen verborgen, die gerade durch verschiedenste Träume wandern. Ähnlich meinem Schritt durch die Nacht.

Jeder einzelne Traum vermischt spielerisch ihre alltäglichen Geschichten, Ängste und Wünsche in gebogene und verworrene Stränge von Reflexionen ihrer Seelenleben. Jeder einzeln. Träume, an die sie sich in wenigen Minuten nicht mehr erinnern werden, die sich aber in ihren Gedächtnissen zwischen einzelnen Gehirnzellen unbemerkt fest gefressen haben und nur auf die nächste Nacht warten, um sie erneut in eine andere Realität zu entführen und weitere lose Enden miteinander zu verschnüren. Einige wachen sicher gerade auf und versuchen noch an ihrem letzten Traum mit aller Trägheit festzuhalten. Vermutlich vergeblich.

Ich schaue in den Himmel und erahne anhand der ersten Anzeichen von Sonnenstrahlen, die bereit sind die Wolken zu streifen, in welche Richtung ich mich ziehe. Ich nehme an in den Westen. Von den Sonnenstrahlen weg.

Für einen naiven Moment denke ich, dass ich es doch schaffen könnte – nur wenn ich schnell genug gehen würde – den Sonnenstrahlen zu entfliehen. Und mich in der sprudelnden Gicht der Dämmerung wie auf einer Welle endlos weitertreiben zu lassen. Irgendwo zwischen einem sinnlos pulsierenden Tag und der gedankenlosen Nacht, die sich abgesprochen haben ihre Gewalten nicht mehr gegeneinander auszuspielen und die Herrschaft über das Leben großzügig in gleiche Teile aufzulösen. Ein stilles Einverständnis.

Nur die Dämmerung ist wie ein dünnes Blatt Papier zwischen ihnen, das bereit ist scharf wie eine Rasierklinge durch alles durchzuschneiden. Losgelöst von den Gesetzen über Tag und Nacht. Eine undurchlässige Membran, die alle Kontraste des Lebens verschluckt und wie ein Kamm durch alle Zeiten streift. Ein Kamm, der alles unbekümmert wieder glättet und so keinem Wunsch und keiner Angst mehr die Möglichkeit bietet, je zu aufzukeimen. Geschweige denn zu existieren.

Die Dämmerung muss wohl die jungfräulichste aller Tageszeiten sein, die es erlauben kann, dass ich mich von jedem Biorhythmus loslöse und zeitlos ebenso durch die Geschichte streife ohne jemandem jemals zu begegnen. Mich in ihr zu verlieren, zu verstecken, zu verblassen,. Bis ich eins mit ihr werde. Bis ich ihre Farbe einnehme. Die Farbe der Dämmerung.

Irgendwo in Deutschland, während der Dämmerung


© 2016 By Fehmi Can