Boris - Pneumatik des Lebens

Allein. Die Geschichte der Einsamkeit. Ich hoffe, es ist nicht wie sie endet. Ich erwische mich selber, wie ich leise zu ihr spreche, als sie regungslos dort liegt und ihre Brust durch die Pneumatik einer Maschine in einem künstlichen Rhythmus bewegt wird. Wie ihr Körper am Ende eines jeden unechten Atemzuges bebt in einem bitteren Kampf ums Überleben.

Ich halte ihre Hand und drücke sie in der Hoffnung einen Gegendruck zu verspüren. Unsere Berührung wird durch ein dünnes Stück Haut eines unnatürlichen Schutzhandschuhs getrennt, der es nicht erlaubt, echte Wärme zu vermitteln. Eine künstliche Schicht Latex. Bestäubt mit einem trockenen Pulver, der jede Bewegung zu einem mechanischen Akt macht. Ich versuche mir einzureden, etwas zu verspüren.

Es ist erst Nachmittag und ich schäme mich dafür, dass ich mir einrede, langsam gehen zu müssen und nur zu ihr zu sprechen in der Sicherheit, dass nur ein weiterer regungsloser fremder Körper im Raum ist, der mich nicht hören kann. Ansonsten wäre mir das peinlich. Peinlicher ist jedoch meine Verabschiedung. Filmisch spektakuläre Sätze im Kopf, kurze nervöse Worte auf den Lippen. Es fühlt sich komisch an, mit jemandem zu sprechen, der nicht reagiert.

Ich wandere durch den späten Sonntagnachmittag und denke, dass ich gerne mehr schreiben würde. Jede Zeile, die ich nicht schreibe, gerät in Vergessenheit und wird aus der Geschichte der Zeit gelöscht. Als ob sie es nicht wert wäre, eine Erinnerung zu formen. Wie sie, die sie nun dort liegt und ein künstliches Koma sie in einer träumerischen Parallelwelt gefangen hält. Als hätte man die Latexschicht des Schutzhandschuhs über ihr geistiges Auge gelegt. So nah und doch getrennt von den Stimmen und Formen der Realität. Wie viele Zeilen fehlen jetzt alleine schon? Vielleicht schreibe ich auch nicht, weil ich Angst habe, einige Gedanken zu Ende zu denken und sie in Worten real werden zu lassen.

Es ist doch immer die Hoffnung, einer nicht existierenden Zukunft, die uns antreibt. Ein Traum. So viele Dinge zu tun, so viele Gefühle zu fühlen, so viele Menschen zu treffen. Ein unechtes Bild, das wir skizzieren, eine Fantasie. Schatten in der Zukunft. Antizipierte Emotionen, um einen Grund zu haben weiterzuleben. Zu überleben. So viel zu sein, was man letztlich nie sein wird. Es muss ein Segen sein, nicht nachzudenken.

Ich bin zu Hause. Am offenen Fenster weht mir ein nächtlicher Herbstwind ins Gesicht. Der Dunst der Zigarette vor den Augen. Unvollendete Gedanken im Kopf. Die letzten Züge, bevor ein Tag endet und ein neuer beginnt. Ich schicke die Glut meiner Zigarette in die Dunkelheit der Nacht und mit ihr meine Gedanken für heute.

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