Boris - Zufall und Regen

Es regnet den ganzen Morgen schon. Man hat fast das Gefühl, es hat noch nie nicht geregnet.

Ich fühle mich selbstmitleidsvoll kranker als ich es müsste. Ich lege mich unter die Decke unter mein Dachfenster, um etwas zu lesen. Bei Regen klingt das gemütlich. Oder von mir aus auch romantisch. Ich kann mich aber nicht auf das Buch konzentrieren. Die schwer wiegenden Tropfen auf der Scheibe lenken mich ab. Und ich betrachte lieber sie.

Mich fasziniert irgendwie, wie die Regentropfen auf der Fensterscheibe aufpoppen, unvorhersagbar wie Funken einer Wunderkerze und miteinander verschmelzen. Ähnlich übergroßen Bakterien, die sich miteinander paaren und stromgeladen unter der Linse eines Mikroskops tanzen, um neues Leben zu bilden. Oder auszulöschen. Das kann man ihnen nicht ansehen.

Mein Blick durchdringt den Regen. Die Wolken am Himmel sind so dicht aneinandergedrängt, dass man ihre Konturen nur mit viel Fantasie erahnen kann. Der Himmel erscheint mir wie ausgelöscht. Als hätte jemand das Blau ausgeschnitten. Übrig bleibt nur ein leeres nüchternes Blatt wie das Plexiglas vor der Neonleuchte einer Röntgenpraxis, auf dem die Röntgenbilder unbekannter Patienten aufgesteckt werden.

Ich versuche mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren, aber die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen und ich denke an den Regen. An jeden einzelnen Tropfen. Wie einer unbekümmert tausende Meter hinter sich legt, um nirgendwo anders als auf meiner Fensterscheibe zu landen. Was für ein Zufall, dass er nicht unbemerkt auf einem der Dachziegel endet, sondern ausgerechnet direkt vor meinen Augen. Wie er über Jahrtausende durch Gestein, Pflanzen, Menschen, Tiere, Bakterien, Meere, Seen und alles auf der Welt gewandert ist, ein Teil von ihnen geworden, die Weltgeschichte miterlebt, ja sogar mitgeschrieben hat. Wie er sich geändert, gewandelt, neu definiert hat.

So, wie ich es eigentlich machen sollte.

Aber ich bin zu komplex und leider nicht so simpel und vollendet wie ein Regentropfen. Der Tropfen, der jetzt vor meinen Augen landet. Was für ein Zufall.

Ich denke mir auf einmal, dass es ein genauso beknackter Zufall ist, Menschen zu treffen, die man mag, mit denen man sich vereint, sie liebt, mit ihnen ein Team bildet und genauso unbekümmert gemeinsam durch die Zeit reist. Ich fühle mich nahezu wehrlos gegenüber der gewichtigen Macht des Zufalls, der über unseren Schultern sich herabgesetzt hat und uns wie Marionetten in die eine oder andere Richtung dirigiert.

Ich frage mich, wie vielen Gelegenheiten und Menschen ich so aus dem Weg gegangen bin. Dieser Gedanke beunruhigt mich. Vielleicht ist es ein Splitter einer Sekunde, den ich zu früh oder zu spät irgendwo vorbeigelaufen bin oder vielleicht auch zu kurz jemanden angeschaut und dann meinen Blick abgewendet habe, wodurch sich jemand neues auf meine Zeitachse begeben hätte.

Ich habe das Gefühl, diese Momente müssen so perfekt sein wie die optimale Konstellation der Planeten und Sterne damit ich mich davon bewegen kann.

Mir wird schlecht und ich frage mich, ob ich vielleicht einem dieser Regentropfen schon einmal begegnet bin. Vielleicht war einer von ihnen sogar einmal ein Teil meines Organismus.